Sprechen
Beteiligte Organe
Zum Sprechen braucht es den komplexen "Hör-Denk-Sprech-Organismus" (Prof.C.Schwarz). Er bildet gewissermassen eine Schlinge, vom äusseren Ohr über das gesamte Hörsystem inkl. mehrere Schaltstellen im Gehirn (welche auch die unbedingt notwendigen Verbindungen zu den anderen Sinnesorganen, Speicher-Regionen etc. einschliessen), und schliesslich über mehrfach geschaltete Nervenbahnen zu den ausführenden Organen. Dazu gehören:
- Als Phonationsorgan (d.h. zur Produktion von Stimme) der Kehlkopf; er ist durch (Lippen- Kiefer-) Gaumenspalten nicht beeinträchtigt.
- Als Artikulationsorgane die Lippen , Ober- und Unterkiefer, Zunge, Gaumen (insbesondere das Gaumensegel), und die Wand des Mundrachens. Die Mundhöhle als Ganzes, und die Nasenhöhle sind als Resonanzräume am Sprechen beteiligt. Artikulationsorgane und ihre Funktion können durch Lippen- (Kiefer-) und/oder Gaumenspalten beeinträchtigt sein (s.unten).
Das Sprechen wird aber ausser von diesen Organen noch von vielen weitern Faktoren beeinflusst (Sprachvorbilder im sozialen Umfeld, körperlicher und psychischer Allgemeinzustand, Intelligenz etc.). Das heisst, die allfällige Auswirkung von (Lippen- Kiefer-) Gaumenspalten ist nur eines unter vielen Elementen welche die Sprach-Entwicklung und -Qualität in Einzelfall beeinflussen.
Sprachentwicklung
Die Sprachentwicklung bei Kindern hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab und verläuft in einem sehr breiten zeitlichen Rahmen. Deshalb sind Vergleiche zwischen einzelnen Kindern wenig zweckmässig. Sogar zwischen Geschwistern finden sich erhebliche Unterschiede im Ablauf der Sprachentwicklung. Als grobe Zeitangabe kann gelten: Die bewusste Bildung von Lippenlauten erfolgt zwischen dem 6.und 9. Lebensmonat, erste zweckgerichtete Wortäusserungen zwischen 12 und 18 Monaten. Diese Meilensteine haben für das Zürcher Behandlungskonzept wesentliche Bedeutung.
Die grundsätzlichen sprachlichen Entwicklungsschritte sind unabhängig von der Sprache, die in der Familie gesprochen wird; auch Mehrsprachigkeit ist für die meisten Kinder kein Grund für Probleme in der Sprachentwicklung.
Was ist bei LKG anders?
Einzelne Artikulationsorgane (siehe oben) können, aber müssen nicht in ihrer Funktion beeinträchtigt sein. Eine kunstgerecht operierte Lippen- (Kiefer-) Spalte wird keinen störenden Einfluss auf das Sprechen haben.
Die früher bekannte, "klassische Spaltsprache" war charakterisiert durch das sog. offene Näseln (=Rhinolalia aperta), d.h. durch Entweichen von Luft durch die Nase beim Sprechen infolge ungenügender Gaumensegelfunktion. Hauptfaktor für eine korrekte Lautbildung (Artikulation) trotz "Spalte" ist ein Gaumensegel von genügender Länge und guter Beweglichkeit (vgl. Anatomie, mögliche Fehlfunktionen). Dabei muss bedacht werden, dass sich der Rachenraum im Laufe der Entwicklung zum Erwachsenen durch Wachstum und durch die Rückbildung der Rachenmandel wesentlich erweitert. Deshalb kann das funktionelle Ergebnis der Gaumen-Operation, die beim Kleinkind die beiden Hälften des Gaumensegels vereinigt, endgültig erst im Alter von 15-20 Jahren.beurteilt werden. Sorgfältig durchgeführte, geeignete Operationstechniken ergeben einen auch im Erwachsenenalter noch dichten Abschluss zwischen Nasen- und Mundhöhle, und damit gute Sprachqualität, (bei unseren Patienten in über 90% der Fälle). In Grenzfällen hilft oft auch die Muskulatur der Rachenwand mit einer spontanen, lokalen Überentwicklung (Passavant'scher Wulst) zum dichten Abschluss.
Die Zungenfunktion ist durch Lippen- Kiefer- und/oder Gaumenspalten nicht prinzipiell beeinträchtigt. Allerdings ist relativ oft eine Zungenlage zu beobachten, die Anlass gibt zum sog. Sigmatismus lateralis (seitliches Luftentweichen beim Laut s.) diese kann aber mit geeigneter logopädischer Übungstherapie korrigiert werden. In seltenen Fällen können Zahnstellungsanomalien oder grössere Lücken im zahntragenden Kieferknochen unerwünschte funktionelle Gewohnheiten begünstigen.
Zahnstellungsanomalien, auch massiver Art, sind aber nur selten Hauptursache von Störungen der sprachlichen Artikulation.
